Das Musikfestival Bern endete mit einem Robert Walser Wochenende. Am Samstag führte das Ensemble Proton mit Walser-Vertonungen von Gabrielle Brunner (2011), Xavier Dayer (1996) und Christian Henking (2011) in ungehörte Welten. Dabei lotete es den Klang neuentwickelter Blasinstrumente aus.
„Hier leb‘ ich wie ein Kind, bezaubert von der Idee, dass ich vergessen worden bin.“ Dieses Textfragment steht am Ende von Christian Henkings Komposition „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“. Das Klavier lässt die Worte des rätselhaften Bieler Schriftstellers noch einmal aufflackern und kondensiert die Spannung, die der dichtbewegte Orchestersatz in der walserschen Winterwanderung aufgebaut hat. Die Stille vor dem Applaus kann den Zuhörern kaum genügen um aus dem Zustand der Selbstvergessenheit geholt zu werden.
Überragendes Ensemble
Christian Henkings Auftragswerk für das Musikfestival ist dem 2010 gegründeten Ensemble Proton – das zukünftige „Ensemble in Residence“ der Berner Dampfzentrale – auf den Leib geschneidert. Unter der Leitung von Matthias Kuhn schöpfen die jungen Schweizer Musiker die Komposition aus und zeigen, was ein Ton alles sein kann: ein stimmloser Hauch, ein farbiges Tremolo, derb gezupfte Harfenspritzer, sich überschlagende Flageolettklänge, ein nervöser Tutti-Strudel oder der pulsierende Rhythmus geflüsterter Wortfetzen. Somit kann der Name des Ensembles passender nicht sein: „Proton“ als Teil der Materie und zugleich die Haltung, „für den Ton“ einzustehen.
Zwei neue Instrumente
Die Einzigartigkeit des protonalen Gesamtklangs in Henkings Komposition findet sich besonders in den tiefen Registern, die durch zwei neuentwickelte Instrumente geprägt sind: Im tiefst-Wahrnehmbaren hört man charaktervoll das Kontraforte knurren. In der Uraufführung von „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“ erklingt dieses bullige Kontrafagott nun in Gesellschaft der brandneuen Bassoboe „Lupophon“. Beide Dopplerohrblattinstrumente wurden von Guntram Wolfs Familienunternehmen im deutschen Kronach entwickelt – und gehören somit zur Gattung der „Wolftöner“. Proton-Musiker Martin Bliggenstorfer spielt nach der dreijährigen Bauphase das erste Lupophon und widmet sich im Rahmen seiner Masterarbeit dessen Weiterentwicklung. Das 4 ½ Kilo schwere und 12 000 Euro teure Instrument ist leicht spielbar, hat ein erweitertes dynamisches Spektrum und ist mit dreieinhalb Oktaven vom grossen F zum zweigestrichenen h die tiefste Bassoboe auf dem Markt. In Henkings Walser-Vertonung kommen aus dem kugeligen Schallstück am Röhrenende warme Töne wie aus dem Nichts, die anschwellen und dann in der Weite wieder vergehen.
Walser prägt die Musik
Die drei Kompositionen generieren aus der Lyrik eine jeweils ähnliche musikalische Sprache. Allen gemein ist die fesselnde Symbiose von Wort und Klang, das Wechselspiel zwischen Verschlüsseln und Entschlüsseln sowie das Öffnen von Walsers zwanghaft genauen Alltagsbeobachtungen in eine sinnliche Dimension. Meist ergibt sich der dramatische Bogen aus dem geistigen Gehalt der Texte, manchmal wird er jedoch überspannt: Bei Gabrielle Brunners uraufgeführten „Stunde“ scheint die zu direkte Bedrohlichkeit der Musik den Text in seiner Subtilität zu verraten. Zwischentöne bringen aber die Solisten wieder ins Spiel. In seinen bebenden Tiefen denkt der Bariton Christian Hilz die Angstzustände aus Walsers Biografie mit. Die Mezzospopranistin Liliane Glanzmann weiss verschiedene Extreme des Gesangs zu ergründen: mal exaltiert, mal zart, in jedem Moment unmittelbar. Sie leitet die innere Stimme des Textes derart perfekt nach aussen, dass man als Zuhörer geradezu in die Position des Voyeurs geworfen wird. Diesen Grad an emotionaler Intensität erreicht auch Xavier Dayers „In hellem stillem Zimmer“. Hier wird die reale Welt mehr und mehr von einer Empfindung verdrängt, die irgendwo zwischen Denken, Fühlen und Hören liegt.
In einer kürzeren Version ist dieser Artikel zuerst in der Berner Zeitung erschienen (19.09.2011)









Ein weiterer Artikel zum Lupophon: http://www.derbund.ch/agenda/musik//Langes-Rohr-mit-dicker-Nase/story/26911682
[...] (14’47) (mit dem Lupophon im [...]