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Der Gaza-Krieg als Radio-Kunst

Das vermeintlich alte Medium Radio muss auch in Zeiten von Smartphone, MP3-Kompression und Marktzwang nicht zu einer Hintergrundbeschallung verkommen. Im Gegenteil, Radio feiert ein Comeback. Hinzu kommt: Radiosendungen werden heute nicht einfach einmalig ausgestrahlt, sondern sind als Podcasts weltweit online verfügbar. So kann auch experimentelle Radiokunst ein breites Publikum ansprechen. Bernard Clarkes forderndes Feature Human Shields über den Gaza-Krieg ist ein eindrückliches Beispiel.

In seinem Radio-Feature Human Shields fängt Bernard Clarke [1] den Gaza-Krieg vom Sommer 2014 übers Ohr ein. Er verarbeitet Tonaufnahmen aus Dokumentarfilmen und Radioarchiven und mischt sie mit palästinensischer Musik, experimentellen Klängen, Propaganda-Reden, Maschinengewehrsalven, Explosionen und Schreien verzweifelter Menschen. Sie sprechen mit voller Kraft vom Palästina-Konflikt. Human Shields ist der zweite Teil der Radioserie Savage Bull, die Clarke derzeit produziert. Im ersten Teil Tracing A-7063 arbeitet er mit traumatischen Erzählungen von Holocaust-Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz. Dazu dröhnen abstrakte Geräusche, klingen Synthesizer-Flächen und Ausschnitte aus einer 1941 in Nazi-Deutschland produzierten Aufnahme von Mozarts «Requiem», in der sämtliche Hinweise auf eine jüdisch-christliche Tradition entfernt worden waren. «Sieg-Heil»-Rufe, Stimmen und Geräusche sind durch Musiksoftware klanglich manipuliert.

«Ich gehe immer von menschlichen Erfahrungen aus», erzählt Bernhard Clarke: «Diese Erfahrungen diktieren alles im Stück, die Form, die Stimmung, die Klangfarben. Ich möchte, dass die Hörerinnen und Hörer in diese Erfahrungen komplett eintauchen.» Bernard Clarke verkaufte in der südirischen Stadt Limerick Schallplatten, ehe er 1999 durch Zufall beim staatlichen Radio RTÉ Lyric.fm eine neue Anstellung fand. In seinem ebenso in Deutschland, Tschechien und den USA ausgestrahlten, aktuellen Wochenprogramm «Nova [2]» verwebt Clarke zeitgenössische Musik (von Glenn Gould über Jimi Hendrix bis Ryoji Ikeda), Geschichte und politische Themen zu vielschichtigen Radiokunst-Ereignissen.

Die Produktion seiner oftmals prämierten Radiokunst-Stücke kann sich über Wochen und Monate ziehen. Als eine Daumen-mal-Pi-Basiskalkulation liesse sich sagen: pro Minute Radiokunst-Beitrag eine Stunde Produktionsprozess. «Würde ich alles, was ich für diese Stücke benötige, in Rechnung stellen, würde man mich egal wohl umgehend feuern», sagt Clarke. «Aber das ist allgemein so. Radiokunst lebt schon lange von dem, was man gerne ‹Dienst an der Sache› nennt. Da ich bei RTÉ Lyric.fm ausserdem für die Musikprogrammierung zuständig bin, ist ein 16-Stunden-Tag keine Seltenheit.»

Bernhard Clarkes Radiosendung hier [3]anhören.

Radio als Soundtracks des Lebens

Man könnte Radiokunst als akustische Collage bezeichnen – oder als einen Erinnerungsgenerator aus Klängen, Geräuschen, Nachrichtenschnipseln und historischen Tondokumenten. Nicht nur William S. Burroughs [4]und an ihn anschliessende Musikgruppen wie Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire oder The Hafler Trio waren fasziniert vom Medium Radio, sondern auch Orson Welles, Samuel Beckett, Friederike Mayröcker oder Ernst Jandl.

Das Radio von heute allerdings unterscheidet sich vom Radio von gestern. Die Digitalisierung brachte schnellere, flexiblere, interaktivere und international vernetzte Produktionsbedingungen. Und Internet-Radio und Radio-Blogs (Podcasts, Feeds) schichteten die bisherigen Verhältnisse zwischen Sender und Empfänger grundlegend um. Bernard Clarke ist froh, dass er Musik und Geräusche in Online-Archiven mit wenigen Klicks findet und seine Sendungen auch auf Soundcloud längerfristig zugänglich machen kann. Da seine experimentellen Radiofeatures so heute auf der ganzen Welt ein Liebhaberpublikum erreichen, stört ihn selbst ein oft gehörter Spruch weniger als zuvor: «Das ist zu schwierig für den Hörer». Produzieren kann Clarke dank Audiosoftware wie Logic Pro, Pure Data oder Kyma zuhause und im Studio. «Ich will mir gar nicht vorstellen, wie etwa in den 1950er Jahren Mehrspur-Beiträge auf Revox-Tonbandmaschinen arrangiert wurden. Das muss der blanke Horror gewesen sein».

Clarke ist kein Einzelgänger. Eine immer grössere Zahl an Produzentinnen und Produzenten ist heute daran, journalistische mit kompositorischen Zugängen zu vereinen. Radiostücke werden als Soundtracks für soziale, politische, geschichtliche und kulturelle Notwendigkeiten konzipiert. Grenzbereiche des Raums und der Kommunikation werden ausgelotet. Unbedingt hörenswert sind etwa Meira Asher [5], G.X. Juppiter-Larsen [6], Heidi Grundmann [7], Jon Rose, [8] Vicki Bennett [9], Danny McCarthy [10], Anna Friz [11], Karen Power [12] oder Stefan Weber [13].

Radio bleibt auch weiterhin eines der niederschwelligsten Medien, einem Anliegen eine Stimme zu geben. Radio war nie nur Medium: Es geht schon auch um das Senden, aber vor allem um die Kommunikation, die damit hergestellt wird. Anders gesagt: Es geht darum, Geschichten klanglich darzustellen. Clarke erklärt, was damit gemeint ist: «Vor einiger Zeit habe ich ein Stück über Alterswohnheime gestaltet. Als Inspiration diente Wim Wenders’ Film ‹Himmel über Berlin› von 1987. Ich machte Interviews mit den Heim-BewohnerInnen, kompilierte verschiedene Folk-Musiken und nahm in- und ausserhalb der Gebäude Fieldrecordings auf. Für ein anderes Stück fuhr ich nach Paris und nahm U-Bahn- und Strassengeräusche auf. Diese Aufnahmen, die Interviews und Auszüge aus Texten von Baudelaire wurden dann durch Granular-Audio-Plugins geschickt und so sehr eng verbunden. Es hört sich an als würde man mit der Pariser Metro fahren und die Lautsprecher sagen nicht den Stationsnamen durch, sondern Baudelaires Gedichte.»

Bei seinen Radiostücken Tracing A-7063 über den Holocaust und Human Shields über den Gaza-Krieg sei es eine grosse Herausforderung gewesen, nicht in eine Sensationalisierung zu verfallen, erzählt Clarke. «Da Radio ja nur über die Ohren wahrgenommen wird, ist es per se abstrakter als Fernsehen. Ich denke, dass dadurch besonders bei problematischen Themen andere Emotions- und Erinnerungsleistungen zugänglich werden.»

Dieser Text ist erschienen in der Musikbeilage der Wochenzeitung WoZ [14] Nr. 43/2014 vom 23.10.2014, redaktionell betreut von Thomas Burkhalter und Benedikt Sartorius.