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«I Want to Ride my Bicycle»

Wer hat nicht schon mal ein Stück Karton an sein Fahrrad geklemmt und ist mit scheppernden Speichen durch die Gegend getingelt? Wer kennt den Sound eines alten quietschenden Drahtesels nicht? Und wer hat nicht schon mal ein ausschweifendes Klingelkonzert orchestriert? Der Blick in die Populärkultur zeigt: Das Fahrrad ist präsenter als gedacht und muss den Vergleich mit dem Statussymbol Nr. 1, dem Auto, kaum scheuen. Wer weiss, vielleicht stehen wir ja kurz vor dem grossen Durchbruch des Fahrrads in der Popmusik? Auf geht’s zur Norient Fahrrad-Selection.

Was haben Queen [1], Pink Floyd [2], Kraftwerk [3]. Katie Melua [4], Red Hot Chili Peppers [5] und Mark Ronson [6] miteinander gemeinsam? Richtig, alle haben sie einen Song über das Fahrrad eingespielt – viele weitere Namen finden sich in der Wikipedia-Liste «List of songs about bicycles» [7]. Auch Frank Zappa hat sich in jungen Jahren dem Zweirad gewidmet. In einer TV-Show beim US-Komiker Steve Allen präsentierte er 1963 sein Avantgarde-Stück «Concerto for Two Bicycles» – laut einem You Tube-Kommentar gar der erste TV-Auftritt Zappas.

50 Jahre später tritt der Komponist Flip Baber aka Johnnyrandom [8] aus San Francisco mit «Bespoken» in Zappas Fussstapfen. Popkontext.de [9]schreibt über den Soundtüftler: «Da er schon als Kind vom Klang seines Fahrrads fasziniert war und wie die meisten Kinder Gegenstände in die Speichen gehalten hat, um das Geräusch zu hören, lag nahe, dass er sein Fahrrad im wahrsten Sinne des Wortes abklopft, aber auch streichelt und kratzt, um ihm alle möglichen Klänge zu entlocken.» Das Resultat ist als Preview auf Soundcloud zu hören und im Video erklärt Johnnyrandom, wie seine Komposition entstanden ist:

Seit jeher ist Jonnyrandom regelrecht besessen von den klanglichen Möglichkeiten des Fahrrads. Schon vor «Bespoken» hat er die Nussknacker-Suite von Pjotr Iljitsch Tschaikowski auf dem Fahrrad eingespielt. Der amerikanische Fahrradhersteller Specialized hat den Track im Dezember 2006 kurzerhand in ein Video gepackt und als Weihnachtsgruss verschickt.

Nicht nur Zappa und Johnnyrandom nutzten das Fahrrad als Instrument. In Madagaskar werden für das traditionelle Saiteninstrument Valiha [10] dann und wann gar Fahrrad-Bremskabel verwendet. Und dann ist da natürlich noch das Teil mit dem grössten musikalischen Potential: die Klingel. Kaum überraschend, dass man im Internet auch auf orchestrierte Klingelkonzerte stösst. Fantasmas de Los Angeles [11], eine Kollaboration von Patrick Miller und Oscar Miguel Santos beschreiben ihr zweites Video aus der «Lightcycles Suite»:

The imagery by patrick miller composed of 500 still images mostly long exposures (4-12 seconds) in motion that record various points of light in the city via the movement of the camera and the vibration of the road. The Audio track «Lightcycles (Sister Mantos Concrete Ghost Remix)» is by Oscar Miguel Santos and contains original sounds mixed with audio elements from bike rides such as Critical Mass, Midnight Ridazz, and Bicycle Bell Ensemble.

Das Fahrrad funktioniert auch als Soundsystem. Das demonstrieren in New York karibische Jugendliche aus Guyana und Trinidad And Tobago, die ihre Bikes mit aufgeschnallten Boxen versehen und die Zweiräder so zu beweglichen Soundsystems ausbauen. Die New York Times [12] berichtete darüber und die Süddeutsche [13] machte eine Berliner Firma ausfindig, die auch in Deutschland High-End-Anlagen für den Park-Ausritt baut. In San Francisco gibt es mit dem Bicycle Music Festival [14]seit einigen Jahren gar ein mobiles Festival: «The Worlds Largest Human-Powered Sound System».

Bicycle Music Festival San Francisco 2011-2013

Der auf Norient bereits oft erwähnte Grey Filastine [15] hat 2010 für den Bike Bloc, eine Fahrraddemonstration anlässlich des Klimagipfels in Kopenhagen, eigene Sounds und Schnipsel von Musikern und Musikerinnen aus der ganzen Welt zu einer Komposition zusammengestellt. «In the video you see mostly preparation and arrest, because when we were in motion and engaged it was hectic & nearly impossible to video.»

Ein Ansatz, der auch in der musikalischen Avantgarde aufgenommen wurde. Der argentinisch-deutsche Komponist Mauricio Kagel (1931-2008) eröffnete 2006 in Buenos Aires – aus Anlass seines 75. Geburtstages – ein Konzert mit dem Stück «Eine Brise, flüchtige Aktion für 111 Radfahrer». Diese zogen «trillernd, trällernd» am Teatro Colón Buenos Aires vorüber, wo schliesslich der restliche Konzertabend stattfand. Hier eine Videoaufnahme des Stücks aus Glasgow, Schottland:

Natürlich ist das Fahrrad auch im Film präsent und kommt dort automatisch mit Musik in Berührung. Stellvertretend für viele weitere Szenen aus der Filmgeschichte darf hier Stanley Kubricks Shining nicht fehlen. In der sogenannten «bike scene» rast Danny mit seinem Dreirad durch die leeren Gänge des Overlook-Hotels, dazu die verstörenden Komposition «De Natura Sonoris No.1» des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki. Kurz darauf trifft er auf die beiden Schwestern und eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte fällt: «Hello Danny. Come and play with us.»

Es gäbe noch viel zu berichten – das Fahrrad ist in der Popkultur omnipräsent, ob als Instrument, Soundsystem oder Textvorlage. Es gibt selbst Bands wie der Bombay Bicycle Club [16], die sich nach dem Drahtesel benennen. Tatsächlich scheint das Fahrrad schon längst das Auto als Statussymbol Nr. 1 verdrängt zu haben. Ein Blick in vier neue Hip-Hop-Videos zeigt das eindrücklich – und sogar Pharrell Williams setzt in seinem neusten Video [17] auf den Drahtesel:

Zum Abschluss dieser kleinen zweirädrigen Tour d’Horizon noch zwei wichtige, augenzwinkernde Beiträge zum Thema «Popmusik & Fahrrad». Alle Fahrradfahrer mögen sich an dieser Stelle in Erinnerung rufen: «Nur Geniesser fahren Fahrrad und sind immer schneller da.»