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Grimm Reality

Der Berner Oberländer Dimitri Grimm alias Dimlite ist einer der aufregendsten Klangbastler der Schweizer Elektronikszene. Zu seinen Fans gehören amerikanische Rapper und britische Popstars.

Ein hoher Zaun, der einen Fussball- oder Basketballplatz einfasst. Und erst wer darübergeklettert ist und sich dabei vielleicht sogar die Jeans zerrissen hat, darf spielen. Mit diesem Bild beschrieb einst Steve Beckett die Musik von Warp, des renommierten Elektronik-Labels, das er gegründet hatte. Dimitri Grimm mag dieses Bild. «So sollte doch Musik sein, oder?», fragt er und steckt sich eine weitere selbst gedrehte Zigarette an. Mit seiner Musik wäre Grimm, der als Dimlite [1] auftritt, bei Warp gut aufgehoben – der Plattenfirma, die mit ihrem Namen für «Weird and Radical Projects» steht.

Fern dem Popstarleben

Doch der 31-Jährige hat schon eine andere, ebenso bekannte Adresse für seine radikale Musik gefunden: Nachdem er für einige Veröffentlichungen beim Berliner Sonar Kollektiv [2] unter Vertrag stand, ist er jetzt bei Now Again [3] untergekommen, einem Unterlabel der amerikanischen Hip-Hop-Hochburg von Stones Throw. Künstler wie Flying Lotus, Gaslamp Killer, Ras G und Thom Yorke (von Radiohead) sind seine Fans.

Trotzdem führt der gebürtige Berner Oberländer, der vor zwei Jahren nach Zürich zog, alles andere als ein Popstarleben. Trotz Topreferenzen und Auftritten im Ausland bewege er sich oft nahe am Existenzminimum, wie er im Gespräch bei nährendem Bier und vielen Lachern sagt. Dimitri Grimm ist einer dieser Beatbastler, die sich, ausgehend von einer Vergangenheit im Hip-Hop und mit schleifenden Loops im Ohr, immer weiter in die Eigenständigkeit haben treiben lassen. So weit, dass die Anknüpfungspunkte nur noch für jene zu hören sind, die sie hören wollen.

Singende Ungerechtigkeit

Indizien sind da: Der Rhythmus regiert nach wie vor, zwirbliger Funk haust darin. Die instrumentalen Stücke überwiegen, und ist mal ein netter Groove gefunden, dann macht er es sich auch gerne eine Weile bequem. Aber mittlerweile schreiben Youtube-User unter die Clips zu den Stücken von Dimlite: «Weird fuckin music! What’s this guy’s problem?», oder «Frank Zappa would’ve loved this». Das gefällt Grimm: «Zappa ist cool. Er hatte so viele Facetten.»

Dimlite ist heute vor allem eine Einmann-Band. Einer, der sich erst ans Schlagzeug setzt, dann zum Bass greift, zur Gitarre, und der dann alles am Computer hin- oder umbiegt. «Ich kann eigentlich kein Instrument richtig spielen.» Ein heikler Punkt. Wir berühren ihn wieder, als wir über Castingshows und gute Sänger sprechen. «Ich mag schlechte Sänger mit Persönlichkeit. So wie Damo Suzuki von Can.» Er selber sei zwar auch ein schlechter Sänger, aber er habe dazu noch eine schlechte Stimme: «Ein Timbre, das niemanden berührt.»

Rauschende psychedelische Schönheit

Deshalb ist sie auf «Grimm Reality», der aktuellen Platte, nur verfremdet zu hören. Als Koloration, als schriller Tupfer, als schreiende Ungerechtigkeit. Aber auch als Geschichtenerzählerin. So etwa in «Fridge Note». Im zugehörigen Video sieht man Grimm mit Sonic-Youth- T-Shirt am Küchentisch, in seinen Augen tanzen schreiende Babys. «Etwas dick aufgetragen», lacht er und entwirft in einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität immer neue Ideen, wie man sein Foto für die Zeitung verfremden könnte. Sich selber ausserhalb der Musik zu präsentieren, das ist ihm suspekt.

Seit zwei Jahren wohnt Dimlite also in Zürich, irgendwo in den Türmen des Locherguts. Das Meyer’s, die beliebteste Absackbar der Stadt, ein «Drop-in», wie man in New York sagen würde, kennt er nicht. Für das Interview schlägt er vor, sich auf dem Friedhof Sihlfeld zu treffen. Am Nachtleben, am Clubbing, nimmt er kaum teil. Wer ihn googelt, erfährt, dass sich mit dem Produkt «Dimlite daylight» energiesparende Lichtlösungen mit wenig Aufwand realisieren lassen. Aber das ist hier natürlich nicht gemeint. An Energie wird auf «Grimm Reality» nicht gespart. An Licht zuweilen schon. Dass seine Musik, die auf diesem Album in psychedelischer Schönheit rauscht, zuweilen beklemmend wirkt, hört er aber nicht gerne. «Haben Sie wirklich das Gefühl von Beklemmung empfunden?», fragt er nach, bevor er über Panikattacken und Hypernervosität erzählt, die ihn früher öfters befallen hätten. Diese konstante Spannung, dass die Stimmung jederzeit umschlagen und die Psyche durchschütteln kann – sie ist auch in der Musik präsent.

Das grosse Aufdröseln

Seit kurzem tritt Dimlite gemeinsam mit dem Berner Schlagzeuger Julian Sartorius [4], der für freie Jazzimprovisation ebenso bekannt ist wie für seine Zeit in der Band von Sophie Hunger. Sartorius richtet sich sein Schlagzeug für jedes Stück neu ein, als Mise en Place für den besten, passenden Sound. Er kann frei spielen, aber auch hyperpräzise Rhythmen ballern. Bald soll eine gemeinsame Platte erscheinen.

«Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse meinen Mikrokosmos abbilden. Heute glaube ich: Ich könnte auch Sachen ausdrücken, die nicht nur mich betreffen», sagt Grimm, mit sich selber und den Worten ringend. Aber als er dann ans Aufdröseln seiner Stücke geht, als er Filmzitate, Lieblingsalben und Bruchstücke seiner Familiengeschichte aufzählt, fühlt man sich bald einmal überfordert. Jeder muss seinen eigenen Zaun zu dieser Musik übersteigen. Und die ansteckende Musik von Dimlite ist Grund genug, das auch zu tun. Den Riss in der Jeans gibts als Trophäe.