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Die Wüste bebt

Weil in der Wüste nichts ist, kann dort alles sein. Im Coachella Valley in der kalifornischen Wüste entstand in den 1990er-Jahren Desertrock aka Stoner Rock. Mit seinem eigenwilligen Sound, den epischen Jams mitten im Nirgendwo und Aushängeschildern wie Kyuss oder Queens Of The Stone Age wurde der Stil international bekannt, blieb dabei aber stets im Underground verhaftet.

Still aus Lo Sound Desert (Jörg Steineck, USA 2015)

Die Sterne in der Nacht sind nur sichtbar, weil das Universum eine gigantische Leere ist. Ähnlich ist es mit der Wüste: Die wenigen Dinge, die aus den endlosen Sandschichten ragenden Grashalme, die einsamen Kakteen, die sich in stiller Übereinkunft anschweigen, die radikal reduzierte Extremität der Natur, ist nur sichtbar, weil es sonst nichts gibt: keine Häuser, eine Strassen, keine Autos, keine Menschen.

Und weil die Menschen, wenn sie die Wüste betreten, radikal auf sich selbst zurückgeworfen sind, ist sie der perfekte Ort für Kreativität. Im «Coachella Valley», einem 72 Kilometer langen Tal in der Colorado-Wüste Kaliforniens, bekannt für seine surreal anmutenden Felsformationen, entstand in den 1990er-Jahren rund um die Kleinstadt Palm Springs der Musikstil Desertrock.

Pionier-Bands wie Yawning Man, Unsound, Dali’s Llama oder Throw Rag standen für einen eigenartig neu klingenden Stil, irgendwo zwischen Heavy Metal, Punk, Blues und vor allem Psychedelic Rock: Rifflastige Melodien, radikal herunter gestimmte Gitarren, die von fast funkigen Bassläufen konterkariert werden, kehliger Gesang, plötzliche Rhythmuswechsel und lange instrumentale Parts, die live oft in epischen Jams münden und ziemlich dumpf klingen, als seien sie mehrmals durch die wenigen schattenspendenden Felsen und die heisse, schwere Luft gefiltert.

Von Peyote bis Marihuana

Populär wurde der Stil mit der Band Kyuss, die 1991 mit Wretch ihr Debütalbum veröffentlichte. Nur wenige Jahre später tourte sie bereits in Europa, während ihre Kollegen und Kolleginnen bis heute weitgehend unbekannt blieben. Auch deshalb ist der neue Dokumentarfilm Lo Sound Desert des Berliner Filmemachers Jörg Steineck ein wichtiger Beitrag zur Musikgeschichtsschreibung.

Beim Desertrock oder wegen der bevorzugten Drogen, vom halluzinogenen Peyote-Kaktus bis zu Marihuana auch «Stoner Rock» genannt, spielt der Herkunftsort im Gegensatz zu Punk oder Metal auch rein musikalische eine Rolle. Die Gitarren etwa waren deshalb so tief, um sie draußen in der Wüste, wo die Musik zunächte vorwiegend performt wurde, besser hörbar zu machen.

Das jedenfalls erzählt Josh Homme, der neben Brant Bjork als Sänger von Queens Of The Stone Age wohl der bekannteste Stil-Vertreter ist. Neben diesen beiden kommen in dem an der «Oral History» geschulten Film viele andere Protagonisten zu Wort, vom exzentrischen Nick Oliveri über die mitteilsame «living legend» und Throw Rag-Sänger Sean Wheeler bis zum Ex-Punk Ian Taylor, der bis 1994 bei der Desert-Punkrockband Unsound gesungen hat und inzwischen ein wohlgeordnetes Bettenhaus in Palm Springs betreibt.

Still aus Lo Sound Desert (Jörg Steineck, USA 2015)

Zu heiss für Schminke

Dass Desertrock im Gegensatz zu Punk oder Glam Rock ohnehin nie Wert auf Äußerlichkeiten oder Codes legte, wird im Film ebenfalls mit dem Ort selbst, also vor allem der Hitze begründet. Nick Nava von Solarfeast erinnert sich, wie er als Jugendlicher eines Tages auf den Bus gewartet hat. Nach etwa zehn Minuten merkte er, dass die Sohle seiner «Chuck Taylor»-Schuhe geschmolzen war – und auf dem Asphalt kleben blieb.

Ein passendes Symbol für diese zähflüssige, psychedelische Musik, die eigentlich weit hinaus möchte, aber dann doch zu sehr mit ihrer Herkunft verankert ist. Ohne die im Film von vielen Musikern als legendär beschriebenen Konzerte in der Wüste, wäre sie wohl nicht möglich gewesen. Die Sessions glichen oft mehr tribalistischen Ritualen als Rockkonzerten. Und statt einer wie auf Metal- oder Punkkonzerten üblichen «Wall of Death», bei der sich das Publikum in zwei Hälften teilt, um auf ein Signal aufeinander zu zurennen, pflegte man in der Wüste den «Taifun of Dust», ein durch den Moshpit aufgewirbelten Orkan aus Staub.

Trotz der vielen «Talking Heads» gelingt es dem Regisseur, eine stringente Erzählung zu schaffen. Weil sie gelegentlich von surrealen Animationen unterbrochen wird, aber auch, weil sie neben den aktuellen Bildern viel Archivmaterial enthält. Das erlaubt einen seltenen Direktvergleich von Vergangenheit und Gegenwart. Besonders unterhaltsam ist die Aufnahme des ersten Konzerts von Solarfeast 1993 auf einem Parkplatz, zu dem hunderte Jugendliche pilgerten, das aber bereits nach wenigen Minuten von der Polizei abgebrochen wurde.

So linear und geschlossen der Film ist, so wenig war es die Stoner-Rock-Szene selbst, wie gegen Schluss deutlich wird. Dass Kyuss so schnell populär wurden und dann in den Nullerjahren von Queens of the Stone Age als international gefeiertes Epigonen abgelöst wurden, wurde in Palm Springs auch argwöhnisch betrachtet, ging es vielen doch darum, «underground» zu bleiben.

Still aus Lo Sound Desert (Jörg Steineck, USA 2015)

Das, was verbindet, trennt zugleich

Damit offenbart Lo Sound Desert als Beitrag einer Subkultur-Narration abermals, dass das Sprechen über Gruppen stets mehr Identität produziert, als eigentlich da ist, weil sie nach innen oft heterogen sind. Und dass es in den Genealogien musikalischer Subkulturen so etwas wie generationenübergreifende kulturelle Konstanten gibt. Dass im Film etwa nur eine Frau zu Wort kommt – die Freundin eines Club-Betreibers – liegt wohl kaum am Stil selbst als an einer männerdominierten Gesellschaft, die sich – mit einigen Ausnahmen – bis heute auch in Musik widerspiegelt.

Als zentraler kreativer Antrieb wird neben Vorbildern, – Josh Homme nennt Chuck Berry und GG Allen – immer wieder die Langeweile der Vorstadt genannt. Besonders letzteres lässt daran zweifeln, ob eine solche Szene heute, in Zeiten der verführerischen, aber sedierenden medialen Dauerablenkung noch entstehen könnte. So war die Überwindung der Langweile denn auch eine der zentralen Triebfedern für die meiste subkulturelle Musik des 20. Jahrhunderts.

Nachdem sie in den Nullerjahren zur «politischen und metaphysischen Herausforderung» (Mark Fisher) wurde, war Langeweile mithilfe der Hyperstimulation und neoliberaler Beschäftigungsethik quasi unmöglich. Auch und vor allem diese Erkenntnis macht den Film sehenswert. Er erinnert an eine Zeit, in der Musik nicht nur für Ausbruch, sondern auch Aufbruch stand.