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Der Tanz der Geächteten

Der angolanische Tanz Kuduro, der seit einigen Jahren internationale Beachtung findet, inspiriert vor allem Menschen mit Behinderung. Eine Reportage aus der Hauptstadt Luanda von 2014 von Bitten Stetter und Francis Müller mit Fotos von Flurina Rothenberger [1].

Tanzcrew beim Üben: Kuduro imitiert die Bewegungen von Menschen mit Behinderung, nicht aus Spott, sondern als Solidaritätsaktion (Photo © by Flurina Rothenberger)

Ein lauter Bass und elektrisierend schnelle Rhythmen dröhnen aus einem Lehmgebäude in Sambizanga; einem «Museque» – also einem Slum – in Luanda, der Hauptstadt Angolas. Schon bald darauf treffen über ein Dutzend Jugendliche am Ort des akustischen Geschehens ein. Sie tragen rosafarbene Hosen, grüne Wollmützen, bunte Turnschuhe, Flipflops mit gestreiften Kniestrümpfen, diamantenbesetzte Ohrringe, zum Teil lange Fingernägel. Das alles entspricht ganz und gar nicht dem sonst leicht konservativen Erscheinungsbild männlicher Jugendlicher in Angola.

Die bunte Gruppe geht nun – ein paar lärmende Kinder folgen ihnen – durch die engen und staubigen Gassen ein paar Blocks weiter und schliesslich durch eine enge Treppe auf das Flachdach eines heruntergekommenen Betongebäudes. Man sieht von hier über Sambizanga, das nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Zentrum Luandas mit den Hochhäusern liegt, aber doch ein völlig eigener Kosmos ist.

Oben auf dem Flachdach installieren die Jugendlichen darauf grosse Lautsprecher, einen Computer und eine Filmkamera. Bald erklingt auch hier der laute Sound. Einige der Jugendlichen beginnen spontan zu tanzen. Sie imitieren im Tanz Fahrradfahrer, Menschen mit Behinderung, Hunde, Menschen mit Trisomie 21, Greise. Die Kinder wiederum imitieren die Tänzer.

Der Blick auf Sambizanga, ein «Museque» (Slum) in Luanda (Photo © by Flurina Rothenberger)

Buckel und Krücken

Nach dieser Phase des Aufwärmens beginnen die Dreharbeiten eines Clips: Ein DJ produziert am Computer die Musik, der Sänger singt über die Krankheit Thrombose. Die drei Tänzer imitieren die Opfer der Krankheit. Sie tanzen mit spastischen und zerhackten Bewegungen, übertriebenem Buckel und an Krücken; jede Bewegung der Tänzer wird plötzlich ruckartig unterbrochen und durch eine neue abgelöst. Es wirkt, als würden elektrische Schläge durch ihre Körper peitschen. Das ist Kuduro.

Kuduro bedeutet «harter Hintern». Der Musik- und Tanzstil ist in den frühen 1990er Jahren in den Armenvierteln Luandas entstanden. Gegenwärtig gewinnt Kuduro auch im Westen an Popularität. Die Rhythmen sind eine Mischung aus den afrikanischen Musikrichtungen Kilapanga und Semba sowie harten elektronischen Beats. Im Tanz wird die angolanische Alltagskultur thematisiert und überzeichnet: Kleidung, Körper, Bewegung, Verhalten.

Ein junger Mann mit einem karierten Rucksack, der seine weissen kleinen Kopfhörer über die Ohren hängen lässt, befindet sich ebenfalls auf dem Dach. Er tanzt nicht mit, sondern fotografiert das Geschehen. Er nennt sich DJ Skiminy [2], er ist 20 Jahre alt, führt ein Kuduro-Blog, er produziert mit den Kuduristas Musikvideos – ein Experte also. Vieles liegt in den Details, sagt DJ Skiminy. Der Schuh etwa sei sehr wichtig beim Tanzen, der leichte Levi’s-Turnschuh sei deshalb sehr populär.

Kudurista sprechen in ihren Liedern über Mode, Kleider, Schmuck, Freundschaft, Marken, Facebook, Politik, Sex und Haustiere. Das Geschlecht wird von den Tänzerinnen sehr offensiv inszeniert: Kuduro-Tänzerinnen etwa tragen sehr kurze Röcke und enge Oberteile. «Die Brüste werden bei den weiblichen Kudurista zusammengedrückt und zur Schau gestellt», sagt DJ Skiminy. «Tanz deine Brüste» laute das Motto der weiblichen Kuduristas. Seiner Meinung nach wird die Behinderung im Tanz als Zeichen von Solidarität imitiert. «Die Kuduristas imitieren Rollstühle und das Gehen an Krücken, um den Menschen mit Behinderung im Alltag damit mehr Präsenz zu geben und ihnen Mut zu machen.»

Kuduristas auf dem Dach eines Tonstudios: «Rückeroberung des Selbst.» (Photo © by Flurina Rothenberger)

Dass körperliche Leiden und Behinderung im Kuduro ein Dauerthema sind, kommt nicht von ungefähr. Angola galt lange als eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Insbesondere Tretminen sorgten für Tausende von Opfern. Enoque Bernardo von der Hilfsorganisation Anda (Associação Nacional dos Deficientes de Angola) kennt die Situation der Tretminenopfer sehr gut: Er wurde 1976, als er erst 16 Jahre alt war, rekrutiert und in den Krieg geschickt. 1985 verlor er durch eine Tretmine ein Bein.

Heute ist Enoque bei Anda tätig, einer Organisation, die sich um Tretminenopfer kümmert. Viele Menschen mit Behinderung werden stigmatisiert, sagt Enoque. Sein primäres Ziel besteht darin, die Gesellschaft gegenüber Behinderung zu sensibilisieren und Menschen mit Behinderung den Zugang zur Arbeitswelt zu erleichtern. In Angola haben zehn Prozent der Bevölkerung eine körperliche Behinderung, auch als Folge von Polio, Malaria oder Verkehrsunfällen.

Menschen mit Behinderung werden in Angola aber nicht nur von nicht-behinderten Tänzern und Tänzerinnen imitiert, sie tanzen und singen auch selbst Kuduro. Ein körperlich eingeschränkter Kudurista der ersten Stunde ist der heute in Paris lebende Musiker mit dem Namen Costuleta Tchiriri, auch er verlor durch eine Tretmine ein Bein. Seine Krücken sind unverkennbarer Teil seines Tanzstils geworden.

Costuleta Tchiriri verdeckt sein Stigma nicht, sondern ästhetisiert es und macht es zum Kunstmerkmal. Auf seinem Facebook-Profil sieht man ihn mit angolanischen Schönheiten in knappen Bikinis an Pools und am Strand auf einer der Inseln vor Luanda. Für den Ethnologen Ulf Vierke vom Afrikazentrum der Universität Bayreuth manifestiert sich so ein neues Selbstbewusstsein, aber auch die Wut einer kriegsversehrten Generation junger Männer. Kuduro sei eine «Rückeroberung und (Wieder-)Inbesitznahme des Selbst, wie es sich im eigenen Körper manifestiert».

Warten auf den Videodreh: Kuduristas in Luanda (Photo © by Flurina Rothenberger)

Imitation als Grundprinzip

Imitation ist ein Grundprinzip im Kuduro. Man imitiert andere, schlüpft temporär in andere Rollen, entschlüpft ihnen wieder – und spielt eine Bricolage mit körperlichen Identitäten. Dieses Spiel mit Spiegeln und Masken hängt auch mit den urbanen Räumen zusammen, in denen Kuduro entstanden ist.

In Luanda vereinen sich die traditionellen Lebensweisen von Zuwanderern aus ländlichen Gebieten mit einer boomenden modernen Metropole, in der eine kleine Elite im Ölreichtum lebt. Die Stadt ist voller Gegensätze: Luxusvillen befinden sich oftmals in Nachbarschaft zu bitterster Armut und Blechhüttensiedlungen. Diese Kontraste begünstigen die Reflexion über andere Identitäten und alternative Lebensstile.

Die Musiker und Tänzer spekulieren auch darauf, dass sie imitiert werden und dass sich ihre Codes und Stilelemente verbreiten. Sie übernehmen nicht einfach – etwa wie die grossen Stars des amerikanischen Hip-Hop – die grossen Marken, sondern sie verfremden, gestalten und designen sie neu. Sie nutzen zum Beispiel Alltagsprodukte wie einen farbigen Kamm um und erküren ihn zum modischen Accessoire. Gesungen wird auch über die Mode und Kleidung aus Europa, die zuhauf auf den Märkten landet. Oftmals geht es um Details; etwa über das Hochkrempeln der Ärmel und das Tragen eines Gürtels. Sie bedienen sich aus der Mode von beiden Geschlechtern und mixen sie zu einem neuen Stil. Dies macht Kuduro zu einer kreativen und gewissermassen subversiven Kulturpraxis.

Kuduro ist mit den elektronischen Elementen und dem harten Tanz sehr modern und zugleich in der Geschichte und kulturellen Identität dieses Landes verwurzelt, das für viele Menschen im Westen ein blinder Fleck in Subsahara-Afrika ist. Kuduro ist somit so etwas wie ein Ausdruck einer kulturellen Identität Angolas – zerrissen zwischen Tradition und Moderne.

Die ehemalige Kolonie des damals diktatorisch regierten Portugal hat wie so viele Länder Afrikas ein problematisches historisches Erbe: Nach der portugiesischen Nelkenrevolution im Jahr 1974 und einer abrupten Entkolonialisierung geriet Angola in einen blutigen Bürgerkrieg. Es tobte ein jahrelanger Kampf zwischen der von den USA und Südafrika unterstützten Unita (União Nacional para a Independência Total de Angola) und der MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola), die von Kuba und der Sowjetunion aufgerüstet wurde. Während des Bürgerkriegs wurden unzählige Tretminen vergraben. Deren Ziel bestand nicht darin, das Opfer zu töten, sondern es «nur» zu verstümmeln, um so die Ressourcen des Gegners zu erschöpfen.

Kuduristas beim Videodreh in Luanda (Photo © by Flurina Rothenberger)

Nicht leben, überleben

Der Bürgerkrieg endete erst 2002 mit der Ermordung des Unita-Anführers Jonas Savimbi. Zurück blieb ein Land ohne funktionierende Infrastruktur und eine Wirtschaft, die selbst einfache Bedürfnisse nicht mehr zu decken verstand. Als Folge wird in Angola noch heute fast alles – insbesondere auch Kleidung – importiert, was zu enorm hohen Preisen führt und Luanda für seine Bewohner zu einer der teuersten Städte der Welt macht. In einer Stadt, in der eine Busfahrt einen Dollar und eine Pizza und ein Bier vierzig Dollar kosten, lebt die Mehrheit der Bevölkerung in bitterer Armut.

Der Bewegungsradius der Menschen ist wegen der hohen Transportkosten sehr klein – und davon sind die Menschen mit Behinderung drastisch betroffen. Nur knapp ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zu medizinischer Grundversorgung. In Luanda lebt man nicht, sondern man überlebt, heisst es – und zwar vom ersten Tag an.

All diese Missstände im urbanen Moloch sind der Humus, auf dem eine Kunstform wie der Kuduro gedeiht. Der Kuduro thematisiert und kritisiert sie. Einer der bekanntesten Kuduro-Künstler in Angola ist MC Sacerdote [3], was auf Portugiesisch so viel wie Priester bedeutet. Wie ein Priester sieht Sacerdote hingegen nicht aus: Er trägt an diesem Tag eine blaue Trainerjacke mit goldenen Mustern und einen gelben Kamm im Haar, der «sein Andersdenken und sein Anderssein zum Ausdruck bringen soll», wie er erläutert. Er gehört zu den wenigen, die mit Kuduro auch international schon auf sich aufmerksam machen konnten. Er hatte bereits Auftritte in Portugal, Italien, Deutschland und in Zürich.

MC Sacerdote (Photo © by Flurina Rothenberger)

Auch Sacerdote betont, dass Menschen mit Behinderung die Tänzer und Tänzerinnen immer wieder beeinflusst haben – zum Beispiel beim Thrombose-Tanz. Er ist sich aber nicht ganz sicher, was er davon halten soll. Immerhin bestehe ja auch die Möglichkeit, dass dies die nachgeahmten Personen verletzen könne. Sacerdote prangert in seinen Liedern deshalb lieber die hohe Arbeitslosigkeit an, die Perspektivenlosigkeit, die Kriminalität, die Gleichgültigkeit der oberen Schichten der Gesellschaft und der Politik. Sacerdote will die Missstände aber nicht nur anprangern, er wird auch selber aktiv, er bietet Jugendlichen in Sambizanga Musik-, Kunst- und Capoeira-Unterricht, damit sie nicht in den kriminellen Sumpf geraten.

Kuduristas, die eine Behinderung haben und es schon zu einer gewissen Berühmtheit gebracht haben, gibt es mehrere. Einer davon ist Rebenta, 25 Jahre alt, er ist an Polio erkrankt. Wir treffen ihn mit DJ Skiminy und fahren mit den beiden in unserem Wagen der mondänen Hafenpromenade und den Hochhäusern entlang. Rebenta ist ein junger und gutaussehender Mann. Die äussere Erscheinung ist ihm offensichtlich wichtig. Er trägt eine Pilotenbrille und ein schwarzes Hemd mit schwarzen kniefreien Hosen. Man könnte ihn für einen jungen Mann aus der Mittelklasse halten. Aber die äussere Erscheinung kann auch in Afrika sehr täuschen.

Rebenta lebt in bitterer Armut: Er müsste eigentlich wegen seiner Krankheit zum Arzt gehen, aber ihm fehlt das Geld. Er würde gerne Informatik studieren, um dann mit einem guten Job seine Mutter unterstützen zu können. Aber auch dafür fehlt ihm das Geld. Auch einen Rollstuhl kann er sich nicht leisten, weshalb man ihm nicht auf Kopfhöhe begegnet: Er läuft mit den Armen, trägt Flipflops an den Händen, um deren Innenflächen zu schonen, und er schleppt so seine verkrüppelten Beine hinterher. Wenn die anderen miteinander sprechen, befindet er sich auf deren Kniehöhe.

Rebenta spricht nicht gerne über seine Behinderung. Er drückt sich lieber durch den Kuduro aus. Vor über zehn Jahren hat er damit angefangen. Er habe einmal eine Freundin gehabt, sagt er, aber sie habe ihn zu sehr vom Kuduro abgelenkt. Seine Behinderung thematisiert er im Gesang nicht. Er singt vom Alltag und davon, was er in seinem Armenviertel tagtäglich sieht: Er singt von Delinquenz, Elend und Gewalt. Diskriminierung erfährt Rebenta hier und da; er versucht, sie aber nicht zu beachten.

Junger Kudurista auf dem Dach eines Musikstudios in Luanda (Photo © by Flurina Rothenberger)

Passion und Wut

Wir halten am Strand an. Rebenta schleppt seinen Körper über die Felsen und schaut hinaus auf den Atlantik. Danach fahren wir weiter. Wir öffnen die Türe des Autos, DJ Skiminy legt eine von Rebenta gewünschte Musik ein. Rebenta ist nun vor dem Wagen und beginnt zu singen und mit dem Oberkörper zu wippen. Jetzt erst – im Kuduro – wird seine Passion, aber auch seine Wut wahrnehmbar.

Eine Gruppe von jungen Männern, die am Strand Bier trinken, wird durch die Musik angelockt; sie kommen daher, auch ein Betrunkener beginnt zu tanzen und zu jubeln. Der Menschenauflauf wird immer grösser. Es ist ein richtiges Spektakel. Rebenta lebt auf. Er imitiert jetzt niemanden mehr. Er ist jetzt Rebenta, der Kudurista – der Star in diesem Augenblick am Strand.

Hinter Rebenta befindet sich der Hafen mit den Frachtern. Man sieht auf der anderen Seite der Bucht das Viertel Sambizanga, wo er mit seiner Mutter seine 24 Lebensjahre verbracht hat. Das Viertel ist nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt. Rebenta hört auf zu tanzen und sagt nun ganz beiläufig, dass er zum ersten Mal in seinem Leben hier an diesem Strand sei. Die Welt ist sehr engräumig in Luanda, die Träume sind es nicht.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in «NZZ am Sonntag», 7. September 2014.

Mehr auf Norient

> António Madureira: «Der Kuduro-Priester aus Luanda» [3]