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Afrikas Bob Marley

Das Leben als interplanetarische Liebe: Der bald 60-jährige Reggae-Pionier Alpha Blondy von der Elfenbeinküste bringt ein Live-Album heraus und tourt um den Globus. Ein Porträt.

Bob Marley sagte mal: «Wenn Reggae irgendwann in Afrika ankommt, wird er in eine neue Dimension eintreten». Den Urknall dieser neuen Dimension durfte der jamaikanische Reggae-König, der vor 31 Jahren starb, nicht mehr erleben. Zwei Jahre nach seinem Tod stand Alpha Blondy [1] mit Musikern aus Ghana wippend im Studio und sang «thy glory shining, bright down on me all the way…». Doch lang und keineswegs nur sonnig war der Weg bis Blondy vor diesem Mikro stand.

Elvis der Elfenbeinküste

Als erstes von neun Kindern wurde er 1953 als Seydou Koné in Dimbokro an der Elfenbeinküste geboren. Bei seiner Grossmutter aufgewachsen, zog es ihn mit neun Jahren zu seinem Vater nach Odjenné und zehn Jahre später nach Korhogo ins Internat, wo er sich der Studentenbewegung anschloss und seine erste Band, die Atomic Vibrations gründete – weil er ein Frauenschwarm war, nannten ihn seine Freunde Elvis Blondy. 1976 beschliesst er in das Land des echten Elvis zu gehen und dessen Sprache zu lernen. Doch prägend waren weder seine Englischkurse an der Columbia University in New York, noch sein Brotjob als Kurier. Das was wirklich einschlug war ein Konzert des jamaikanischen Reggae-Musikers Burning Spear im Central Park. Blondy war infiziert von der Rastafari-Philosophie, passte dieser Esprit doch bestens zu dem, was ihm damals seine Grossmutter beigebracht hatte: «Sei aufrichtig!»

Auf dem Weg zum eigenen Sound

Als Blondy 1980 an die Elfenbeinküste zurückkehrte musste er sich eingestehen, dass aus seinem grossen «American Dream» nicht viel geworden ist. Da stand er nun mit Dreadlocks in seinem alten Heimatdorf, sprach von seiner wohlüberlegten «Rastafoulosophie» und vom Ideal demokratischer Mitbestimmung – und wurde nur schief angesehen. Um den Rekulturschock zu überwinden, brauchte es den Schubs seines alten Schulfreundes Fulgence Kassi, der mittlerweile beim Fernsehen arbeitete und ihm dort ein Podium verschaffte. Und sieheda: 1983 sang er das besagte Album Jah Glory ein, eine der ersten Reggae-LPs des afrikanischen Kontinents. Bald darauf folgte Jerusalem (1986), das ihm mit mit der Würze von Marleys The Wailers weltweiten Erfolg einbrachte.

Doch Blondy wollte zwar Nachfolger, aber keine Kopie seines grossen jamaikanischen Vorbildes sein: Mit seinem guten Riecher für talentierte Musiker und Arrangeure formt er sich aus Schlagzeug, Bass und E-Gitarre, aber auch Instrumenten wie einer guineischen Flöte, einer arabischen Oud oder der typisch westafrikanischen Laute Kora seine eigene Afro-Reggae Identität. Dass sich er und seine Band Solar System diesem Sound auch nach 20 Millionen verkauften Alben treu geblieben sind, reflektiert das Live-Album Alpha Blondy Live.

Zweifel und Hoffnung

Auf diesem Querschnitt durch sein Schaffen ist zu hören, wie wichtig Blondy die politische Message ist: Er singt gegen Diktatur, gegen Militärputsche, gegen Beschneidung, gegen die Schikanepraxis der Polizei, gegen die harten Realitäten seines Kontinents und setzt dem Kummer der Welt Visionen und Hoffnung entgegen. Dennoch wurde sein pazifistischer Kampfgeist immer wieder von Phasen des Zweifelns und schweren Depressionen überschattet. Auch dies verarbeitet er in seinen Liedern: «Es hat mir sehr geholfen, über meine Wunden und den Frust zu singen» erzählt er 2011 in einem Interview mit Reggaenews.

God Is One

Wohl sind es auch diese Krisen, die ihn mehr und mehr zur Religion führten. Doch woran glaubt ein Rastafari, der Sohn einer muslimischen Mutter und eines christlichen Vaters ist? Ganz einfach: an Gott. Denn für Blondy gilt «God is one», wie er es auf dem Album Massada (1992) auf den Punkt bringt. Genauso wie Landesgrenzen, hält er auch Religionsgrenzen für gefährliche Konstrukte und möchte die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum in einem Einheitsglauben aus Toleranz und Liebe verschmelzen lassen. Um dies möglichst weit zu streuen, singt er auf Englisch, Französisch, Arabisch, Hebräisch und seiner Muttersprache Dioula, besucht Kirchen genauso wie Moscheen und Synagogen und tritt keine Tour an, ohne eine Bibel, den Koran und den Davidsstern dabei zu haben. Dies sind seine Glücksbringer damit seine transkonfessionelle, «interplanetarische Liebe» – wie er es selbst nennt – strömen kann.