Das Leben als Liebesakt: Anstatt an Ruhestand zu denken, bringt Alpha Blondy, der bald 60-jährige Reggae-Pionier von der Elfenbeinküste, ein Live-Album heraus und tourt um den Globus. Die lebende Legende ist am 10. Mai im KUFA in Lyss und am 11. Mai im Volkshaus in Zürich zu hören.
Reggae-König Bob Marley sagte einst: „Wenn Reggae irgendwann in Afrika ankommt, wird er in eine neue Dimension eintreten“. Den Urknall dieser neuen Dimension durfte der jamaikanische Reggae-König, der vor 31 Jahren starb, nicht mehr erleben. Zwei Jahre nach seinem frühen Tod stand Alpha Blondy mit Musikern aus Ghana wippend im Studio und sang „thy glory shining, bright down on me all the way “. Doch lang und keineswegs nur sonnig war der Weg bis Blondy vor diesem Mikro stand.
Elvis der Elfenbeinküste
Als erstes von neun Kindern wurde er 1953 als Seydou Koné in Dimbokro an der Elfenbeinküste geboren. Bei seiner Grossmutter aufgewachsen, zog es ihn mit neun Jahren zu seinem Vater nach Odjenné und zehn Jahre später nach Korhogo ins Internat, wo er sich der Studentenbewegung anschloss und seine erste Band, die „Atomic Vibrations“ gründete – ganz der charismatische Frauenschwarm nannten ihn seine Freunde Elvis Blondy. 1976 beschliesst er in das Land des echten Elvis zu gehen und dessen Sprache zu lernen. Doch prägend waren weder seine Englischkurse an der Columbia University in New York, noch sein Brotjob als Kurier. Das was wirklich einschlug war ein Konzert des jamaikanischen Reggae-Musikers Burning Spear im Central Park. Blondy war infiziert von der Rastafari-Philosophie, passte dieser Esprit doch bestens zu dem, was ihm damals seine Grossmutter beigebracht hatte: „Sei aufrichtig!“
Auf dem Weg zum eigenen Sound
Als Blondy 1980 an die Elfenbeinküste zurückkehrte musste er sich eingestehen, dass aus seinem grossen „American dream“ nicht viel geworden ist. Da stand er nun mit Dreadlocks in seinem alten Heimatdorf, sprach von seiner wohlüberlegten „Rastafoulosophie“ und vom Ideal demokratischer Mitbestimmung – und wurde nur schief angesehen. Um den Rekulturschock zu überwinden, brauchte es den Schubs seines alten Schulfreundes Fulgence Kassi, der mittlerweile beim Fernsehen arbeitete und ihm dort ein Podium verschaffte. Und sieheda: 1983 sang er das besagte Album „Jah Glory“ ein, eine der ersten Reggae-LPs des afrikanischen Kontinents. Bald darauf folgte „Jerusalem“ (1986), das ihm mit mit der Würze von Marleys „The Walers“ weltweiten Erfolg einbrachte.
Doch Blondy wollte zwar Nachfolger, aber keine Kopie seines grossen jamaikanischen Vorbildes sein: Mit seinem guten Riecher für talentierte Musiker und Arrangeure formt er sich aus Schlagzeug, Bass und E-Gitarre, aber auch Instrumenten wie einer guineischen Flöte, einer arabischen Oud oder der typisch westafrikanischen Laute Kora seine eigene Afro-Reggae Identität. Dass sich er und seine Band Solar System diesem Sound auch nach 20 Millionen verkauften Alben treu geblieben sind, reflektiert sein jüngst erschienener Wurf, das Live-Album „Alpha Blondy Live“.
Zweifel und Hoffnung
Auf diesem Querschnitt durch sein Schaffen ist zu hören, wie wichtig Blondy die politische Message ist: Das auf dem Boden gebliebene Alphatier singt gegen Diktatur, gegen Militärputsche, gegen Beschneidung, gegen die Schikanepraxis der Polizei, gegen die harten Realitäten seines Kontinents und setzt dem Kummer der Welt Visionen und Hoffnung entgegen. Dennoch wurde sein pazifistischer Kampfgeist immer wieder von Phasen des Zweifelns und schweren Depressionen überschattet. Auch dies verarbeitet er in seinen Liedern: „Es hat mir sehr geholfen, über meine Wunden und den Frust zu singen“ erzählt er 2011 in einem Interview mit Reggaenews.
God is one
Wohl sind es auch diese Krisen, die ihn mehr und mehr zur Religion führten. Doch woran glaubt ein Rastafari, der Sohn einer muslimischen Mutter und eines christlichen Vaters ist? Ganz einfach: an Gott. Denn für Blondy gilt „God is one“, wie er es auf dem Album Massada (1992) auf den Punkt bringt. Genauso wie Landesgrenzen, hält er auch Religionsgrenzen für schädliche Konstrukte und möchte die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum in einem Einheitsglauben aus Toleranz und Liebe verschmelzen lassen. Um dies möglichst weit zu streuen, singt er auf Englisch, Französisch, Arabisch, Hebräisch und seiner Muttersprache Dioula, besucht Kirchen genauso wie Moscheen und Synagogen und tritt keine Tour an, ohne eine Bibel, den Koran und den Davidsstern dabei zu haben. Dies sind seine Glücksbringer damit seine transkonfessionelle, „interplanetarische Liebe“ – wie er es selbst nennt – strömen kann.
Teil 1 des norient Reggae-Specials: Reggae findet im Kopf statt
Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Bieler Tagblatt vom 10. Mai 2012.










[...] 2 des norient Reggae-Specials: Afrikas Bob Marley Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Bieler Tagblatt vom 04. Mai 2012. [...]