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Politischer Pop made in Amerika

Ein neu erschienener Sammelband beleuchtet die wechselseitige Beziehung zwischen Popmusik und Politik, fokussiert dabei aber zu stark auf amerikanische Aspekte. In wissenschaftlichen und journalistischen Aufsätzen erkunden die Autoren und Autorinnen von 9/11 über Sam Cooke bis zu den Benefizkonzerten wie Live-Aid ganz unterschiedliche Facetten des Spannungsfeldes.

Es sind nur wenige Monate vergangen, als im Zusammenhang mit den deutschen Echo-Awards eine heftige Kontroverse entbrannte. Im Kreuzfeuer stand die Südtiroler Band Frei.Wild. Kritiker warfen der Rockgruppe vor, mit rechtsradikalem Gedankengut zu sympathisieren. Daraufhin entschlossen sich die Veranstalter, die Gruppe von der Preisverleihung wieder auszuladen. Man wolle verhindern, dass der Echo zum Schauplatz einer Debatte über die politische Gesinnung werde.

Dies nur eines von vielen Beispielen, in dem die Verbindung von Popmusik und Politik zum Tragen kommt. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen, angefangen bei politisierenden Musikern wie dem Brasilianer Gilberto Gil bis hin zu den Schnitzelbänken der Basler Fasnacht. Es überrascht, dass dieses scheinbar so präsente Themengebiet von der Wissenschaft bislang erst punktuell betrachtet wurde. Eben ist mit dem Sammelband A change is gonna come, herausgegeben vom deutschen Politikwissenschaftler Dietmar Schiller, einer der seltenen Beiträge in dieser Sparte erschienen.

Von Live-Aid über Bruce Springsteen bis zu Motown-Soul

In sowohl wissenschaftlichen als auch journalistischen Aufsätzen erkunden die Autoren und Autorinnen ganz unterschiedliche Facetten des beschriebenen Spannungsfeldes. Zum Thema gemacht werden der politische Erfolg von Benefizkonzerten wie Live-Aid, die musikalische Verarbeitung von 9/11 (etwa bei Bruce Springsteen) oder das Verhältnis der Folkikone Woody Guthrie und dem Genre Punk. Die Beiträge zeigen auf, dass sich Musik nicht nur auf textlicher Ebene politisch manifestiert. So sind auch die körperlichen Darstellungsformen der weiblichen Vertreterinnen des Motown-Souls als politische Statements aufzufassen. Höhepunkt des Bandes ist eine politische Geschichte des Blues, die gleich zu Beginn mit dem Stereotyp des «melancholischen Blues» bricht und die gesellschaftspolitische Relevanz des Genres im Wandel der Jahrzehnte aufzeichnet.

Fokus auf amerikanische Aspekte

Aus zwei Gründen kann der an sich spannende und immer wieder aufschlussreiche Band jedoch nicht überzeugen. Zum einen ist das Gefälle zwischen den einzelnen Beiträgen zu gross. Von einer abstrakten und komplexen wissenschaftlichen Sprache bis hin zum lockeren Studienbericht findet sich in dem Buch eine ganze Bandbreite sprachlicher Ausdrucksformen. Nicht alle Beiträge bringen neue Erkenntnisse zutage und immer wieder mangelt es an stichhaltigen Belegen in der Argumentationskette. Zum anderen erweckt sowohl der Titel – A change is gonna come: Popmusik und Politik – als auch die Einleitung eine ausgedehnte Abhandlung der Thematik. In letzterer wird von Pussy Riot in Russland über den Eurovision Song Contest in Baku bis hin zu Gaddafis Hofkonzerten von Usher, Nelly Furtado & Co. ein weiter Bogen gespannt. Die Aufsätze berichten in der Folge dann aber vorwiegend über die (afro)-amerikanische Popgeschichte, gleich drei Beiträge widmen sich der Country Music. Dadurch ergeben sich nicht nur inhaltliche Wiederholungen (immer wieder angesprochen werden etwa die kritischen Äusserungen der Band Dixie Chicks gegenüber Präsident Bush aus dem Jahr 2003), es drängt sich auch die Frage auf, warum das Genre Hip-Hop nur durch Abwesenheit glänzt.

Barack Obama zitiert Sam Cooke

Omnipräsent ist der amtierende amerikanische Präsident. Ob Empfang für Blues-Musiker im Weissen Haus, Interview mit der Pop-Zeitschrift Rolling Stone oder persönliche Ipod-Playlist: Die Lektüre des Buches macht klar, dass dieser Präsident die amerikanische Popkultur als Mittel seiner Politik einsetzt, wie kein anderer zuvor. Der Buchumschlag zeigt das Konterfei Obamas in doppelter Ausführung und der Titel nimmt auf seine erste Rede als Präsident Bezug. Mit «Change has come to America» (You Tube-Video: 2:15) zitierte Obama 2008 in seiner «Concession Speech» den Protestsong «A change has gonna come» des Soul-Sängers Sam Cooke.

Keine Übersicht des Themengebietes

Unter dem Strich verpasst es der Band leider, die mit dem Titel suggerierte, breite Darstellung der Thematik vorzulegen und wartet stattdessen mit interessanten, wenn nicht immer überzeugenden Aspekten aus der amerikanischen Popgeschichte auf. Gerade die eingangs erwähnten Beispiele zeigen aber, welche Dimensionen innerhalb des – vermutlich unerschöpflichen – Spannungsfeldes von Popmusik und Politik auch noch behandelt werden könnten.

Dietmar Schiller (Hrsg.), A Change Is Gonna Come: Popmusik und Politik. Empirische Beiträge zu einer politikwissenschaftlichen Popmusikforschung, 338 S., CHF 46.90, LIT, Berlin 2012, ISBN 978-3-643-11429-7

Dieser Artikel ist im Mai 2013 in einer gekürzten Version erstmals erschienen in der Schweizer Musikzeitung [1].